Gefangenenexerzitien

Jugendliche der Justizvollzugsanstalt Laufen erleben Exerzitien im Kloster

2008 startete im Kloster Harpfetsham ein bisher einzigartiges Projekt der Katholischen Jugendstelle im Berchtesgadenern Land (BGL) mit der Justizvollzugsanstalt (JVA) Laufen. Vier  Jugendliche nahmen während ihres Gefängnisaufenthaltes an Exerzitien außerhalb der Anstalt teil. Initiiert wurde das Projekt vom Gefängnisseelsorger Diakon Otwin Marzini. Nachdem Herr Marzini an der Katholischen Jugendstelle anfragte, ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnten, waren die Jugendseelsorgerin Brigitte Fuchs und der Jugendpfleger Simon Königbauer sofort interessiert. Simon Königbauer berichtet: „Die Idee hat mich sofort begeistert. Genau die Jugendlichen, die am meisten Unterstützung benötigen, fallen meist aus dem Focus der Jugendarbeit heraus.“

Ziel der Maßnahme war es, ausgewählten Jugendlichen der JVA, die eine intensive Auseinandersetzung mit ihrem Glauben suchen, eine besondere Möglichkeit des Austausches und der Glaubenserfahrung zu bieten. 

Es dauerte nicht lange bis das Konzept stand, jedoch verging noch einige Zeit, bis die „Gefangenenexerzitien“ von Seiten der JVA genehmigt wurden. Bei der Auswahl wurden neben Frage des Glaubens der Gefangen vor allem auf Straftat, Haftentlassung und Führung geachtet. Die JVA war sich dabei ihrer hohen Verantwortung bewusst und nahm diese auch durch die Begleitung eines Beamten während der Maßnahme war.

Begleitet wurden die Exerzitien neben einem Beamten von dem Gefängnisseelsorger, dem Jugendpfleger und der Jugendseelsorgerin des Landkreises BGL, sowie einem Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks. Die Reportage, die im Herbst gesendet wird, soll von sinnvollen Projekten der Resozialisierung und der besseren Begleitung von jugendlichen Straftätern nach der Haftentlassung berichten.

Inhalt der drei Tage waren die intensive Auseinandersetzung mit den Lebenswegen, der eigenen Vergangenheit und der Frage, was alles dazu führte, dass die Jugendlichen straffällig wurden. Die vier Teilnehmer stellten fest, dass meistens ein „negativer“ Wechsel des sozialen Umfelds der Grund für die Straftat war. Um diesen Aspekt näher zu beleuchten, erstellten die Häftlinge Netzwerkkarten. Dabei wurde sichtbar, wer ihnen nahe steht, wer auch bei Problemen zu ihnen steht und sie unterstützt und welche Personen im Umfeld es besser in Zukunft zu meiden gilt, um nicht wieder in Schwierigkeiten zu geraten. Des Weiteren fragten sich die Jugendlichen, was Berufung für sie bedeuten könnte und wo bzw. wie Gott ihren Weg begleitet. Für diese sehr persönliche Nachforschung hatten sie in den gemeinsamen Morgen und Abendandachten sowie in den täglichen Stille-Zeiten ausreichend Gelegenheiten und konnten ihre Gedanken auch bei den Einzelgesprächen mit den begleitenden Seelsorgern weitergeben.

Am zweiten Tag starteten die Jugendlichen nach einer Einweisung in Navigation mit Karte und Kompass in Richtung Tachinger See. Ihre Aufgabe war dabei, nach einer von ihnen errechneten Marschzahl so gerade wie möglich zusammen ihren Weg zu gehen. Immer wieder tauchten Hindernisse auf, die es zu umgehen galt. Anschließend mussten sie erneut ihre Position bestimmen und ihren neuen Weg ausrechnen. Der Jugendpfleger Simon Königbauer der diese Aufgabe begleitete, meinte dazu: „Diese Aufgabe ist eine gute Metapher fürs Leben. Jeder Mensch hat gute und sinnvolle Ziele, doch selten kommen wir auf dem geraden Weg dorthin. Hindernisse müssen umgangen werden, es gilt sich neu zu orientieren. Dafür brauchen wir die Hilfe von Freunden und Menschen, die einem beistehen und helfen, Probleme die man alleine nicht lösen kann zu meistern.“

Nachdem die vier Jugendlichen dank gemeinsamer Hilfe gut an ihrem Ziel am Tachinger See angekommen sind, halfen sie am Nachmittag in einem Altenheim mit. Sie fuhren Rollstuhlfahrer im Freien herum oder spielten Brettspiele mit den Bewohnern. Die Jugendlichen äußerten bei den anschließenden Gesprächen, dass für sie der Umgang  mit den Alten, zum Teil Schizophrenen und Behinderten zwar anfangs befremdlich war, es ihnen jedoch wichtig war, diesen Menschen ein klein wenig Freude und Zerstreuung des sonst oft sehr eintönigen Alltags zu bereiten.

Am letzten Tag feierten die Jugendlichen zusammen Gottesdienst. Bei seiner Predigt machte Diakon Marzini den Jugendlichen klar, dass einer immer für sie da sein wird, egal ob sie es schaffen gerade auf ihr Ziel zuzugehen oder sie noch viele Umwege gehen müssen. Gott wird sie immer bedingungslos annehmen.

Anschließend beschäftigten sich die Häftlinge noch einmal intensiv mit ihrer Zukunft nach der Zeit im Gefängnis. Dabei schrieben sie sich einen Brief, den sie erst nach ihrer Entlassung bekommen werden. Dann sollen sie ihre positiven Erfahrungen der Exerzitien und ihre Ideen für eine Zukunft mit Zukunft noch einmal lesen und sich erinnern, wer ihnen dabei helfen kann ihre Ziele zu verwirklichen.     

Am Schluss waren sich alle einig, dass dieses Projekt trotz langwieriger und teils schwierigen Überzeugungsarbeit im Vorfeld ein sehr gelungenes war. Ein Projekt das hoffentlich auch nach der Zeit im Gefängnis noch nachwirkt. Im Gespräch meinte Diakon Marzini:“ Es ist schwer in Worten zu beschreiben, doch bei den vier Jugendlichen hat sich etwas verändert, was auch denjenigen die nicht dabei sein konnten gut tut.“